Exhibition

 

Gunter Damisch

VERFLOCHTEN, VERNETZT UNDGESCHMEIDIG SYSTEMATISIERT
Künstlerisches Universum von Gunter Damisch

Jedes Bild und jede Fläche, auf denen der Maler Gunter Damisch seine Spuren hinterlassen hat, vibrieren weiter, auch nachdem er sie verlassen hat. Die Formen, die er geschaffen hat, die „positiven“ oder „negativen“ Felder, die er ausgefüllt hat, sind nämlich mit einemspezifischen Dynamismus imprägniert, dicht mit bewussten Zonen und stacheligen Strichen verflochten, so dass das Auge keine Ruhe finden oder sich auf keinen bestimmten Punkt konzentrieren kann. Und diese optische Wirkung ist die Folge eines entsprechenden existenziellen Einsatzes, eines eigenen exorzistischen Verfahrens und einer kathartischen Wirkung.Auf Damischs Bildern verbinden sich die Erfahrungen der gestischen, tatkräftigen Belebung der Fläche mit den Erregungen in den Wirbeln der fast ornamentalen Eigenschaften.
Da Damischs Gestaltung und Wirkung mit dem österreichischen Raum in Verbindung steht, und sehr spezifisch mit der Wiener Kunstszene, können wir nicht umhin, auch die gewisse Abstammung mit der Sezession in Zusammenhang zu bringen, mit dem Klima am Übergang der vorherigen Jahrhunderte (XIX. und XX.), bzw. mit der ausgesprochenen Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk einerseits und nach der betonten Verzierung der Fläche und der effektvoll rhythmisierten Struktur andererseits. So wie Klimt auf die Byzantinischen Mosaike geblickt und die charakteristischen, flächigen Teile „molekular“ parzelliert hat, so verwirft auch Damisch jede illusionistische Räumlichkeit und organisiert seine Fläche durch Addition und Akkumulation fast gleichartiger, den Dimensionen nach jedoch ungleicher Parzellen, Baueinheiten. Mit sehr wenig Übertreibung können wir behaupten, dass seine Kompositionen vom horror vacui, dem noch mittelalterlichen (oder topologisch rudimentären) Prinzip der gänzlichen Füllung der Fläche, der Ausnutzung jeder möglichen „Leere“, der Ablehnung der systematischen Aneinanderreihung von Plänen mit dem Ziel der Tiefensuggestion, beherrscht wird. Als hätten sich die Bestandteile des Bildes verselbständigt – wie Amöben, an die sie auch morphologisch erinnern – und weiter geteilt und in allen Richtungen ausgebreitet. Und die Beschränktheit und Elastizität (Ei- und Ellipsenform) der grundlegenden, gestalterischen Agglomerationen sind ebenfalls verantwortlich für den Eindruck der Vitalität und des energischen Potentials von Damischs Werken.
Wir haben die Gesamtkunstwerk-Orientierung des Autors erwähnt, seine Sehnsucht und sein Bedürfnis, sich in verschiedenen Disziplinen auszudrücken, von der Zeichnung bis hin zur Skulptur, sein Bemühen, mit seinen Werken den umliegenden Raum zu adoptieren. In der Ausstellung im Milesi Palast können wir seine grafischen und malerischen Werke kennen lernen, und in der Galerie Kula auch Tuschezeichnungen und den bildhauerischen Aspekt begutachten. Zur Verfügung steht uns demnach ein verhältnismäßig ganzheitlicher Einblick in die neueste Phase (Zeitspanne von einigen Jahren) des Künstlers, aus welchem wir Schlüsse über seine dominanten Tendenzen und technischen Ausführungsarten folgern können. Alle Werke sind charakterisiert durch das fast obsessive Bedürfnis der wellenförmigen Bewegung innerhalb des Bildes bzw. durch die dichte und enge Verflechtung der selbständigen Kerne oder linearen Flüsse, die systematische und geschmeidige Vernetzung der Flächen im lebendigen Rhythmus des Wechsels engerer und breiterer „Maschen“.
Der Autor selbst, zweifelsohne mit einer entwickelten und verbalen Imagination und fabulösen Neigung, hat uns ein entsprechendes Begriffsgitter zur Wahl gestellt, mit dessen Hilfe wir seine Bestrebungen leichter fassen und beschreiben können.Über seine Intentionen sprechend, formuliert er diese als Schaffung einer eigenen (metaphorischen) Welt, als (symbolisches) Konstruieren eines Feldes, Netzes, Flusses, Stromes, eines Flackerns, unter Verwendung von Schleifen, Dornen, Flammen. Damischs Morphologie weist tatsächlich ein wenig biomorphe und pflanzlich-morphologische Prämissen auf: auf seinen Bildern scheinen sich Urwesen, Protozoen, Bakterien zu bewegen und mit ihren Tentakelnim Raum zu orientieren. Manchmal erinnern uns seine Bildausschnitte an versammelte Sternhaufen, die emanieren und blinzelndes Licht ausstrahlen. Die dritte Assoziation ist die Verzweigung und Gabelung chaotisch durchschnittener Wege und angehäufter Hindernisse (hierzu trägt die Suggestion des Stacheldrahts bei).
Mit seinem eigenen – kumulativ zusammengefügten – Begriff würden wir Damischs ästhetische Beschäftigung und Position als Schleifenfeld taufen, bzw. sie als Aktivierung der Fläche durch Reihen von gewundenen und verknoteten Kraftlinien, als eigenartige Anschwellung und Löschung, als Expansion und Implosion einiger primärer Zellen erklären. In jedem Fall sind die Prozessualität des Verfahrens, die Dauer des Wechsels von Arsis und Thesis, von Systole und Diastole, von Antlitz und Kehrseite betont.
Versuchen wir, die Eindrücke durch die Beschreibung der Extreme bzw. die Spannweite der Gestaltungslösungen ein wenig zu konkretisieren. Zuerst werden wir an den Schwarz-Weiß-Grafiken Halt machen, an denen die Kontraste am deutlichsten sind. Während im „Bočna mreža svjetskog puta“(Seitliches Weltwegnetz) (2010) das Weiß der Unterlage noch sehr ausdrucksvoll und die Häufungen des Schwarzen „zerfressen“ sind, mit weißen Perforationen gepunktet (mit Erinnerung an Ementaler als Paradigma), hat im „Poprečni putevi svjetske rupe“ (Weltlochquerwege)(ebenfalls 2010) die Schwärze gerade die Oberfläche überflutet und nur enge kleine, weiße Inseln übrig gelassen (auf welchen wieder vermehrt schwarze Flecken auftauchen). Weitaus dynamischer ist die Lösung im „Vršci plamenova svjetskog puta“ (Weltwegflämmlerenden)(ebenfalls 2010), wo mächtige polyploide, schwarze Formationen unregelmäßiger Schenkel Leitlinien bilden, denen sich wiederum kleinere stäbchenförmige oder schlangenartige „Tausendfüßler“ anpassen bzw. um diese herum winden.
Einige der schwarzweißen Holzschnitt-Matrizen dienten auch für die Ausführung in der roten Version, sei es, dass zuvor auch schwarze Farbe aufgetragen wurde, sei es, dass ausschließlich die rote Palette mit unterschiedlichen Übergüssen von Rosarot, Rot bis Karminrot verwendet wurde. Durch die gesteigerte Dichte und verstärkte Schichten kamen ganz verschiedene räumliche Suggestionen zustande, so dass diese Varianten bei der Benennung ebenfalls berechtigt zusätzlich differenziert wurden (meistens durch Anspielung auf Flamme und Feuer). Vollends besonders ist der Fall des großen Diptychon „Blještavi svjetski centar noćnog neba“ (Nachthimmelweltflimmerzentrum)(2013), von der Komposition her ausgesprochen ruhig, mit betontem zentralen weißen Bereich, umrahmt von verdunkelten Rändern, innerhalb dessen sich verhältnismäßig gleichmäßig größere oder kleinere ellipsenförmige Partikel positionieren. Das dominante, rauchige Blau trägt ebenfalls zur Beruhigung der Anspannung bei, und die Wirbelgravitation der Elemente suggeriert kosmische Ausdehnung.
Der grafische Abschnitt wird auf seine Weise durch eine komplexe Arbeit abgeschlossen, durch einen Holzschnitt, auf dem die Abdrücke vielfältiger Matrizen gegenübergestellt werden, wonach monotypisch ausgeführte Stellen quadratischer Konturen appliziert werden, und zwar in der Funktion von Kollage-Eingriffen. Die komplexe technische Ausführung deutet auf den Synthese-Charakter des Werks hin, dessen Titel auf „Nježne crvene crte plamenih vrhunaca svjetskog puta“ (Sanfte rote Striche der Flammenspitzen des Weltweges)(2011) verweist.
Der Zyklus „Kolaži svjetskog puta“(Weltwegcollagen)ist anzeigend für den Dialog-Charakter von Damischs Ausdruck. In ihnen kommt es nämlich zur Konfrontation zwischen dem organisch entwickelten Duktus der Handschrift des Malers und den geometrischen, orthogonalen Konturen der Kollage-Parzellen. Vier Werke aus dieser Phase (2011) variieren die annähernde Idee eines Polyptychons durch den Wechsel von dunkleren und helleren Quadraten, eine fast comicartige Kombinatorik der aufeinanderfolgenden Bilder, den nahezu filmischen Übergang sonst disparater Sequenzen. Die Versuchung des Chaos wird durch die Ränder aus abgedrückten Rechtecken diszipliniert, die Drohung der strengen Ordnung wird durch die wirbelförmigen und schwindelerregenden linearen Fluchten nach allen Seiten hin kompromittiert.
Einen anderen Typ dynamischen Gleichgewichts verwirklicht Gunter Damisch in seinen Ölbildern, die natürlich ganzheitlichsten Resultate seiner malerischen Erfindung und Praxis.Auf der einen Seite haben wir einige Bilder, die „Crveni put (odnosno Crvene petlje), zeleni čaj, svjetsko polje“(Rotweg (bzw. Rotschlinge), Grüntee, Weltfeld)genannt werden, Werke, die durch ein glühendes Blutrot charakterisiert werden, aufgetragen geradezu durch eine aggressive Heftigkeit, und alle sind sie noch kräftig gewürzt (ich würde sagen: gekrönt) durch die zentrale Ansammlung von dunklen Schichten („Flecken“, wie es in einem der Titel steht). Auf der anderen Seite sind da die delikat silber-blauen Bilder, mit ruhigerer, linearer Betonung und homogener chromatischer Ausstrahlung, mit sanften Übergüssen, mit der schöpferischen Ausnahme des Bildes „Gustoća srebrnog svjetskog puta“(Silberweltwegdichte)(2010), der wohl optimalsten Dosierung schwarzer und hellgrauer Kraftlinien, der harmonischen Überlappung superponierter Schichten, der melodischen Welligkeit der netzförmigen Flüsse.
Die Summe von Damischs Bildpotential werden wir in den neuesten Werken, den Ölgemälden „Polje srebrnog svijeta, plameni zvuk“ (Silberweltfeld Flämmlerklang)(2012-2013) und „Polje s rupama na srebrnom svjetskom putu“(Silberwegweltlochfeld) (2013) finden, da in ihnen der angeborene Dynamismus und die betonte Polarisierung der Elemente durch den verstärkten Farbeinsatz und besonders durch die euphorische Intensität der Ausführung an Bedeutung gewinnen. Obwohl wir in dieser Ausstellung die ganzheitliche Amplitude der Entwicklung des Malers nicht verfolgen konnten, ist es offensichtlich, dass der Höhepunkt der reifsten Verwirklichungen eine sich lange angelagerte Erfahrung voraussetzt.

Tonko Maroević
  

 
Galerija kula
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